Die Züge gehen nach Berlin
Die Metropolis in ukrainischer und jiddischer Literatur der 1920er Jahre. Eine Anthologie
- Erscheinungsjahr: 2026
- Seiten: 300
- Bindung: gb
Das Berlin der sogenannten »Goldenen Zwanziger« hatte magische Anziehungskraft.
Die aufregendste Metropole Europas zog Gaste in ihren Bann und bot zugleich
Zuflucht für zigtausende Zuwanderer aus Osteuropa. So entfaltete sich hier
auch Literatur aus der Ukraine – auf Ukrainisch und auf Jiddisch. Geschrieben
wurde sie oftmals von Geflüchteten, vor Pogromen, dem Ersten Weltkrieg oder
dem in der Ukraine wütenden Bürgerkrieg. Später kamen Besucher
aus dem sowjetischen Charkiw und Kyjiw, um das kapitalistische »Babylon« Berlin zu
inspizieren. Zugleich gab es unter den Autoren politisch Verfolgte oder Arbeitssuchende,
die der Not und dem Hunger in ihrer Heimat zu entkommen suchten. Ihre Stimmen finden
sich in zeitgenössischen Feuilletons, Reisereportagen, Romanen und Gedichten
– darunter schwer zugängliche Archivfunde. So entsteht das Panorama einer
Großstadt, in dem Revue und Syphilis, Leuchtreklame und Fabrikschlote, Kaffeehauskultur
und Migrantenelend oder bourgeoise Hundemanie und die Kolonialgeschichte
des Zoos aufeinandertreffen; die Spree spiegelt den Dnipro, Kyjiw und
Berlin sind Orte leidgeplagten jüdischen Lebens, Charkiw und Krementschuk wie
Berlin europäische Städte, die Berliner Pferde träumen von der Chersoner Steppe.
Ostap Wyschnja und Nochem Schtif beobachten den Wandel von der Pferdekutsche
zum Auto und von Konzertbesuchen zum Radio. Auszuge aus Wolodymyr
Wynnytschenkos öko-futuristischem Sci-Fi-Roman »Sonnenmaschine«
und Meir Wieners unveröffentlichtem Berlin-Roman begleiten eine träumende Figur – einmal
Naturwissenschaftler, einmal Künstler – im Sog der Großstadt.
So liest sich die Sammlung als eine der interessantesten Berlin-Anthologien der
Moderne, aus einer Zeit, in der für Joseph Roth Berlins neueste Mode die »Ukrainomanie«
war. Sie führt ukrainische wie jiddische Avantgarde zusammen,
darunter Debora Vogel und Mychajl Semenko. Zugleich öffnet sich vor unseren
Augen ein Gedächtnisbuch: Nicht nur diese beiden, sondern die Mehrheit der
hier versammelten Autoren und Autorinnen wurde während der Schoah oder
unter Stalin ermordet, so Menachem Kipnis, Oleksa Vlysko, Perez Markisch,
Dovid Bergelson, Leib Kwitko, Dovid Hofstein und Walerjan Polischtschuk.
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