Lebenslauf auf einer Seite

Prag - Theresienstadt - Auschwitz-Birkenau - Leningrad. Hg. von H. Brenner
Lebenslauf auf einer Seite
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  • Merová, Evelina
  • 2016
  • 143
  • br
Mit Fotos aus dem Familienalbum von Evelina Merová sowie zeithistorische Fotos zu Prag,... mehr
Produktinformationen "Lebenslauf auf einer Seite"
Mit Fotos aus dem Familienalbum von Evelina Merová sowie zeithistorische Fotos zu Prag, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau."Schreiben Sie einen Lebenslauf auf eine Seite" - hieß es in den Aufnahmeformularen für die Universität in Leningrad, die ich ausfüllen musste, als ich mich im Jahre 1950 für ein Studium an der Fakultät für Philologie bewarb. Auch ein Fragebogen lag bei. Er enthielt drei für mich heikle Fragen: Wo sind Sie geboren? Welche Nationalität haben Sie? Waren Sie in deutscher Gefangenschaft oder unter deutscher Okkupation? Ich antwortete wahrheitsgemäß: Ich, Evelina Moissejewna Mer, wurde in Prag geboren. Ich bin Jüdin. Und: Ja. Ich war elf Jahre alt, als ich 'unter deutsche Okkupation' geriet.Was sollte ich aber nun in dem Lebenslauf schreiben? Auf eine Seite?Ich weiß noch, wie Bilder meines Lebens im Geiste an mir vorüberzogen - meine glückliche Kinderzeit in Prag, das Leben im Ghetto Theresienstadt im Zimmer 28, das Familienlager Auschwitz-Birkenau, die Arbeitslager Stutthof, Dörbeck, Guttau, der Tod meiner Eltern, meiner Schwester und nächsten Verwandten, die Befreiung, die Begegnung mit Doktor Mer, das Kriegsende in Sysran, und das neue Leben in Leningrad.Sollte ich darüber schreiben? Was sollte ich überhaupt schreiben? Ich ahnte ja, dass mein tatsächlicher Lebenslauf den Erwartungen der Kommission, die über meine Bewerbung zu entscheiden hatte, nicht entsprechen würde.Ich war damals zerrissen zwischen den Bildern der Vergangenheit und dem Bewusstsein, meinem kurzen Lebenslauf einen unauffälligen Anschein geben zu müssen. Es war in dieser Situation, dass ich zum ersten Mal daran dachte, dass ich eines Tages meine Erinnerungen und meine Erfahrungen als Kind während der nationalsozialistischen Diktatur niederschreiben müsste - natürlich auf mehr Blättern als nur auf eine Seite!Ein halbes Jahrhundert verging, bis ich diesem ersten Impuls folgte und meine - wie ich sie für mich nannte - 'Verspäteten Erinnerungen' niederschrieb. Ich tat es vor allem für meine Kinder und den Kindern meiner Kinder, aber auch für all jene, die am Beispiel meiner Erlebnisse erfahren möchten, wie die tragischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts das Schicksal einer Familie und das eines Einzelnen bestimmten. Ich tat es auch, weil das, was geschehen ist, nie in Vergessenheit geraten darf.
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