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Die Autobiographie eines unglücklich Liebenden
Der Judaist Julius H. Schoeps blickt zurück auf sein Leben und lässt seine Leser teilhaben an seinen Erinnerungen, Gedanken, Überzeugungen und inneren Kämpfen. Er präsentiert damit zugleich ein Stück deutscher Geschichte - der alten Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands.
Die Frage, die man sich bei der Lektüre dieses merkwürdigen Buches immer wieder stellen muss, ist die, wen ausser den persönlich Betroffenen, ausser Leuten des engeren Umfelds, aus der judaistischen, der Universitäts-Szene dieser Zeit, das Buch wirklich interessieren könnte und sollte. Jedenfalls stellt sich Schoeps mit der Wahl des Buchtitels "Mein Weg als deutscher Jude" zugleich in die Tradition Jakob Wassermanns ("Mein Weg als Deutscher und Jude", 1921) oder auch Nachum Goldmanns ("Mein Leben als deutscher Jude", 1979), steht aber mit dieser Selbststilisierung am Rande der Peinlichkeit eher in der trotteligen Tradition seines noch peinlicheren Vaters (den er wohl doch ein wenig verharmlost) oder der eines Michael Wolffsohn - so sehr diese sich alle unterscheiden und obwohl alle auch ihre unbestreitbaren Verdienste haben, im Grad der Peinlichkeit stehen sie sich in nichts nach.
Schoeps' Wirken verdient Anerkennung, seine Motive sind lauter, seine entwaffnende Ehrlichkeit und Offenheit sympathisch, seine moralische Entrüstung berechtigt und sein Schmerz nachvollziehbar. Und dennoch berührt es unangenehm, diesem unglücklich Liebenden zuzuschauen, wie er sich abarbeitet bei seinem vergeblichen Bemühen, eine deutsch-jüdische Synthese herzustellen, die es nie gab und nie geben wird, bei seiner glühenden Liebe zu einem Deutschland oder gar zu einem im Ozean der Geschichte versunkenen Preussen, die beide seine Liebe weder verstehen noch erwidern; bei seinem schrulligen Festklammern an den letzten Resten einer jeckischen Vergangenheit, das blind ist für die lebendige Vielfalt einer bunten, vitalen jüdischen Gegenwart in Israel und in der Diaspora. Man mag gar nicht glauben, dass Schoeps einer der Hauptmotoren bei der erneuten und erstmals umfassenden Herausgabe der Herzl-Schriften war, dass er sich derart intensiv mit Herzl beschäftigt und dennoch so wenig von Herzl gelernt, so wenig ihn verstanden hat.
Was auch nervt, ist das Altfränkisch-Oberlehrerhafte, das gebetsmühlenartig altbekanntes Zeugs und Belanglosigkeiten so erzählt, als hätte man noch nie etwas darüber gelesen, und wenn man sich für seine Art des Erlebens und seine innere Verarbeitung historisch-politischer Sachverhalte, Ereignisse interessiert - kommen stattdessen total seichte, zum Teil unangemessen lange (was hat das mit einer Autobiographie zu tun?) Referate darüber, was 1968 in Deutschland geschah oder was ein Wiener Kaffeehaus ist.
Von der formalen Qualität her ist das Buch auch kein Ruhmesblatt, keines für den Autor, der vielleicht zu schnell seine Texte heruntergeschrieben hat (auch sprachlich so eindimensional-schablonenhaft: Alles ist "legendär" oder "spektakulär", gibt es keine weiteren Adjektive?), und auch keines für den Pendo-Verlag (schlampige Editionsqualität, ständig gibt es Rechtschreib- und/oder Grammatikfehler, früher gab es mal Lektoren und Korrektoren ..., nicht einmal die Namen von Professorenkollegen sind richtig geschrieben).
Leider kann man sich auch auf sein wissenschaftliches oder menschliches Urteil nicht immer verlassen. Nochmals: Für jemanden, der sich so lange mit Herzl auseinandergesetzt hat, erstaunt schon die Grandiosität seines Fehlurteils über Herzl, der angeblich nichts getan habe, um die Wirkung auf seine Anhänger abzuschwächen und der ungekrönte König der Bewegung habe sein wollen: Nichts ist Falscher als das.
Überhaupt ist Schoeps ein total unphilosophisch-biederer Kopf, der z. B. allen Ernstes Hegel 1:1 zitiert, er ist eher ein Anreger, Organisator und Strippenzieher, ein fleissig-rastloser Arbeiter und Wissenschafts-"Produzent", aber sicher kein grosser Denker, eher ein Freund der Anekdote, der sich von einer Anekdote zur nächsten hangelt und dabei an keinem Fettnäpfchen wirklich vorbeikommt, dabei auch die Lebensleistung anderer Wissenschaftler durch vorgeblich lustige Geschichtchen in ein merkwürdiges Licht rückt, ohne es vielleicht zu wollen. Wenigstens erfährt man so einige amüsante Details, z. B. dass er mal der Lover von Katja Ebstein war oder dass er den damaligen Erfolg von Heintje wider Willen durch ein von ihm geleitetes Buchprojekt vergrösserte.
Fazit: interessant zu lesen allemal, aber: siehe oben.
Michael Kühntopf
Bewertung: [3 von 5 Sternen!] |
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